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WAA – Tschernobyl – FukushimaEin Seebeben, dessen kirchturmhohe Welle sich mit einer unbändigen Kraft ins Landesinnere wuchtet, Fahrzeuge und Menschen herumwirbelt, Schutzmauern und Häuser zum Einstürzen bringt und alles, was Leben auszumachen scheint, in sich zusammenfallen lässt. Ein Erdbeben, dessen Stärke auf der Richterskala eine Grenze erreicht, die allen Restrisiko- und Wahrscheinlichkeitsberechnungen der Menschheitsgeschichte trotzt. Ein politisches Beben, das das Fundament der modernen wachstums- und fortschrittsgläubigen Gesellschaft für einen Moment heftig ins Wanken bringt. Die Kühlung des Atomreaktors in Fukushima funktioniert nicht mehr. So die ersten Meldungen. Am Abend des Unglückstages saß ich vor meinem Tagebuch mit dem Füllfederhalter in der Hand und war unfähig auch nur eine Zeile zu Papier zu bringen. Ich konnte keine Worte formen, die ich hätte eintragen können. Mein Mitgefühl wandert zu den Menschen in Japan. Sie haben ihr Hab und Gut verloren, ihre Freunde, ihre Kinder, ihre Eltern. Sie stehen vor Trümmerhaufen in Schlamm und Schlick – und jetzt droht auch noch der atomare Gau. Mitgefühl und Trauer ließen mich zunächst einmal inne halten. Nacht für Nacht verfolgte ich die apokalyptisch anmutenden Bilder der Spätnachrichten am Fernseher. Diese Technik ist nicht beherrschbar! Ab hier könnte dieser Artikel ungeschrieben bleiben, ein großer weißer Fleck – denn das, was jetzt gesagt wird, wurde schon alles gesagt, wurde schon alles geschrieben, wurde schon alles diskutiert, damals vor genau 25 Jahren nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Diese Technik ist nicht beherrschbar! Solange wir die Endlagerung des atomaren Mülls nicht im Griff haben, sollten wir aufhören weiteren atomaren Müll zu produzieren. Bilder und Sätze, die sich mir mit Tschernobyl eingeprägt haben, schaffen sich wieder Raum: es bestünde keine Gefahr für die Bevölkerung, tönte es aus Funk und Fernsehen, nachdem die radioaktive Wolke abgeregnet war. Der Bay. Umweltminister Dick löffelte vor laufender Kamera verseuchtes Milchpulver, genauso wie jetzt Regierungssprecher Edano in Japan sich beim Tomatenessen filmen lässt. Bizarr. Gesetze werden sehr elastisch Bereits vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war das Bauvorhaben der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) in vollem Gange. Zu Beginn der 80er Jahre wurde dieses Vorhaben von der Bay. Staatsregierung sorgfältigst vorbereitet. Von der Öffentlichkeit blieben diese Aktivitäten weitestgehend unbemerkt. Gesetze wurden sehr elastisch. Da florierte ein Amtshilfeabkommen mit der Bundeswehr, der TÜV wurde mit „goldenen Verhaltensregeln“ instruiert, die GSG 9 angefordert1 etc. etc. Das Wahlvolk beruhigte man mit pathetisch und rhetorisch gut inszenierten Ansprachen. Nach Tschernobyl war es aus mit der Gemütlichkeit. Die Bay. Staatsregierung zog jetzt alle Register. Die Atomkraftgegner (bis dato geistig verirrte Spinner) wurden zu gefährlichen Gegnern erklärt. Die Diffamierung und Kriminalisierung nahmen ihren Lauf und spitzten sich zu. Die SPD gehe Hand in Hand mit orthodoxen Kommunisten, schallte es 2 Tage vor dem Ostermarsch 1986 aus dem Bay. Rundfunk. Am Ostermarsch selbst kamen in Wackersdorf 41 Wasserwerfer zum Einsatz und als polizeiliche Premiere wurde erstmals neben dem bislang üblichen Reizstoff CN auch CS beigemischt3. Nach Angaben des Landratsamtes Schwandorf wurden am Pfingstwochenende 9.500 Liter CN-Gas, 1.500 Liter CS-Gas, 1.350 Gasgranaten verpulvert. Die Sicherheitsvorkehrungen hatten zum Ziel den Staat vor uns BürgerInnen zu schützen und nicht umgekehrt. Diese ganzen Vorkehrungen eskalierten noch an einigen Stellen, mal mehr – mal weniger. Eltern mit Kleinkindern waren besorgt um die Gesundheit ihrer Kinder, andere hatten Sorge um die Entwicklung der demokratischen Werte unserer Gesellschaft. An manchen Tagen verwandelten sich die Demonstrationen in bürgerkriegsähnliche Zustände. „Die Werte sind so anzusetzen, dass die Produkte noch Vermarktungschancen haben“ Staatssekretär Kroppenstedt, zur Grenzwertdebatte nach dem Reaktorunglück 1986. Heute kauft in Japan der Unternehmensverband Keidanren alle derzeit unverkäuflichen Lebensmittel aus den radioaktiv verseuchten Gebieten auf, um sie in den Kantinen der eigenen Unternehmen zu verwerten.5 Und auch dieses Mal blühen die Kirschbäume wieder. Monika Ott / Deinsdorf 1) Vgl. NN, 28. 01. 1986 [ zum Seitenanfang ] |
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